Gesetzliche Rente in Gefahr

Gesetzliche Rente in Gefahr

Selbst Finanzberater geraten bei der Berechnung der Rentenlücke ins Straucheln. Wieviel Geld im Alter wirklich fehlt und was dafür gespart werden muss.

Einen „heilsamen Realitätsschock“ nennt es Renate Köcher, wenn sich die Bundesbürger über ihre Versorgungslücke klar werden. Zumindest was den Schock angeht, hat die Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts Recht. Mit gigantisch hohen Rentenlücken haben einige Finanzinstitute ihre Kunden in eine regelrechte Schreckstarre versetzt.

So darf ein 40-jähriger Mann mit 6000 Euro Bruttoeinkommen laut Online-Rentenschätzer der Allianz fast 2000 Euro Rente pro Monat erwarten. Bei Union Investment geht der gleiche Mann später mit 1585 Euro pro Monat nach Hause – seine Rentenlücke ist um 415 Euro größer!

Die unterschiedlichen Prognosen fußen auf der unterschiedlich exakten Erfassung persönlicher Daten. Aber auch unterstellte Rahmenbedingungen wie Inflation oder Rentenentwicklung wirken auf die Rentenhöhe ein. Insgesamt sind es rund 20 Variablen, die über die Höhe des Ruhegeldes bestimmen. Nur selten werden alle integriert.

Um Anlegern eine klare Vorstellung über ihren Finanzierungsbedarf zu geben, hat GELDidee das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) um eine Beispielrechnung gebeten. Denn es verfügt über eines der besten EDV-Programme für diesen Zweck. Es wurde vom renommierten Wirtschaftsprofessor Reinhold Schnabel entwickelt und erfasst alle entscheidenden Daten. Neben dem Kaufkraftverlust, den das Geld durch die Inflation erleidet, werden etwa auch die Sozialabgaben und Steuern während des Ruhestandes beachtet.

Damit ist der DIA-Rechner nicht nur vielen anderen Onlinerechnern, sondern auch der offiziellen Renteninformation der Rentenversicherung Bund (vormals BfA) überlegen. „Die Nettorealität bildet die Renteninformation nicht ab. Sie rechnet die Inflation nur unzureichend und die Abgabenlast gar nicht mit ein“, sagt DIA-Sprecher Bernd Katzenstein.

Der Rentenschätzer liefert aber noch mehr: Er berechnet für jede Versorgungslücke auch maßgeschneidert die monatliche Sparrate, die zu deren Schließung notwendig ist. Dabei kann der Anleger zwischen vier Sparformen wählen. Basisvorschlag ist die Kombination von gesetzlicher Rente mit einem Riester-Produkt, einer Betriebs- und einer Leibrente.

Alternativ kann der Nutzer des Online-Rentenschätzers auch in einen Banksparplan, einen Investmentfonds oder eine Kapitalpolice anlegen. Für alle Varianten können unterschiedliche Verzinsungen eingestellt werden. Die Unterschiede in der steuerlichen Behandlung der Kapitalanlagen werden beachtet.

In der Beispielrechung haben die DIA-Experten drei Unbekannte der Rentengleichung variiert. Erstens wird die Rentenlücke für drei verschiedene Lebensalter ermittelt: Der heute 30-, 40- und 50-jährige Sparer wird unter die Lupe genommen. Für jede Altersstufe werden wiederum drei unterschiedliche Einkommenshöhen unterstellt: Ein monatliches Brutto von 2500, 3500 und 5500 Euro. Drittens wird die Einzahldauer in die gesetzliche Rentenkasse verändert.

Dem Musterbeispiel des sogenannten „Eckrentners“, der volle 45 Jahre seinen Obulus an das Sozialsystem entrichtet hat, wird eine Person gegenübergestellt, die nur 35 Jahre beitragspflichtig beschäftigt war. Diese tritt erst mit 30 Jahren ins Berufsleben ein, um dann aber ebenfalls ohne Unterbrechung bis zur Rente mit 65 sozial- und rentenversichert zu sein.

Was kostet die Private Rente?

Das Schaubild zeigt anhand einer Beispielrechnung, wie hoch die Rentenlücke für drei verschiedene Jahrgänge ist, und wie viel Geld gespart werden muss, um diese zu schließen.

Die Rentenlücke ist dabei die Kluft zwischen der erwarteten gesetzlichen Rente und 70 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Für alle Altersstufen wurden alternativ drei Einkommenshöhen unterstellt. Zusätzlich werden für jedes der Einkommen zwei Rentenbeitragszeiten unterschieden.

Die Bilanz: Die Rentenlücke ist um so höher, je jünger der Anleger ist, je mehr er verdient und je kürzer er in die Rentenkasse einzahlt.

Rentenlücke bei 30-Jährigen

Beim jüngsten Mann kann die Rentenlücke nur für die 45-jährige Beitragszeit ermittelt werden. Bei 35-jähriger Beitragszeit würde der Mann, der mit 67 in Rente geht, erst mit 32 Jahren ins Berufsleben eintreten und hätte heute noch keine Rentenansprüche erworben.

Rentenlücke 30-Jähriger

Rentenlücke bei 40-Jährigen

Beim mittleren Jahrgang ist die Rentenlücke – bei gleichem Einkommen und Beitragszeit – geringer als beim 30-Jährigen. Dafür hat der 40-Jährige weniger Zeit, um die Lücke zu stopfen. Wer erst ab 30 Jahren Rentenbeiräge zahlt und heute 5500 Euro brutto verdient, muss 694 Euro sparen – pro Monat.

Rentenlücke 40-Jähriger

Rentenlücke bei 50-Jährigen

Hier ist die Lücke bei gleichem Einkommen und gleicher Beitragszeit am geringsten. Trotzdem muss auch der ältere Sparer noch etwas für die Vorsorge tun. Für jede 50000 Euro, die er zurückgelegt hat, kann er aber 300 Euro von der Sparrate abziehen – das ist die Leibrente, die dieser Betrag abwerfen würde.

Rentenlücke 50-Jähriger

Wichtigster Einflussfaktor auf die Versorgungslücke ist wenig überraschend das Alter. Mittlerweile ist bekannt, dass die Jungen stärker unter der Senkung des Bruttorentenniveaus leiden. Heute erhält der Eckrentner noch 46 Prozent seines letzten Bruttogehalts. 2040 werden es laut DIA nur noch 33 Prozent sein. Auch die Rentensteuer schmälert den Ertrag: Wer nach 1960 geboren wurde, muss Teile der gesetzlichen Rente versteuern.

So ergibt sich in der Beispielrechnung für den heute 50-jährigen Eckrenter bei mittlerem Verdienst eine Lücke von 461 Euro. Der 30-Jährige mit gleichem Lebenslauf und Gehalt muss schon 602 Euro pro Monat privat finanzieren.

Zweitens wird die Lücke mit dem Einkommen größer. So werden zwar alle heute 40-Jährigen, die volle 45 Jahre ihre Beiträge zahlen, in 25 Jahren knapp die Hälfte vom letzten Netto erhalten. Doch es macht einen Unterschied, ob dies 2000 von 4000 Euro oder 1000 von 2000 Euro sind.

Im ersten Fall fehlen satte 2000, im zweiten Fall nur 1000 Euro. Dass sich die Rentenlücke am letzten Nettoverdienst orientiert, ist dabei durchaus plausibel. Denn wer will seinen gewohnten Lebensstandard im Alter schon herabschrauben müssen?

Vergrößert wird die Lücke bei Gutverdienern zusätzlich durch die Beitragsbemessungsgrenze: Ab einem bestimmten Einkommen steigen die Rentenansprüche nicht mehr in voller Höhe mit: Der Abstand zwischen Verdienst und Rente wird größer. In unserem Beispiel muss ein heute 40-jähriger Eckrentner, der 2500 Euro verdient, einen Fehlbetrag von 488 Euro durch private Kapitalanlage ergänzen. Bezieht er hingegen 5500 Euro, hat sich die Lücke auf 1016 Euro mehr als verdoppelt.

Geringere Rente - Steuer und Überalterung
Einen Unterschied macht es zudem, ob ein Paar verheiratet ist. Das gilt zumindest, wenn ein Partner der Alleinverdiener ist. Dann hat er während des Berufslebens netto mehr übrig als ein unverheirateter Partner. Die Differenz zwischen Gehalt und Rente ist größer. Sind beide Ehepartner berufstätig, gibt es keinen Unterschied gegenüber unverheirateten Paaren oder Singles – denn dann bleibt Eheleuten netto auch nicht mehr übrig.

Wichtig: Die Versorgungslücke wird nicht an 100 Prozent der Löhne oder Gehälter gemessen. Meist werden – wie auch vom DIA – 70 Prozent angesetzt. Der Gedanke: Ältere Menschen brauchen weniger Geld zum Lebensunterhalt – etwa weil Ausgaben für Hauskredite, Kinder ober eben die Altersvorsorge entfallen.

Nicht zu unterschätzen ist der Effekt verkürzter Beitragszeiten auf die Höhe der Rente: Der 40-Jährige mit einem Brutto von 2500 Euro sieht einer Lücke von 488 Euro entgegen – wenn er volle 45 Jahre in die Sozialsysteme eingezahlt hat. Hat er sich erst mit 30 Jahren in eine Festanstellung begeben, muss er bereits 665 Euro privat finanzieren.

Auch wenn die DIA-Experten sich vom Vorwurf frei machen können, eine übergroße Lücke vorgaukeln zu wollen – die errechneten Fehlbeträge beim Alterseinkommen sind doch erheblich. Und tatsächlich zeigen die Sparraten aus dem zweiten Teil der Rechnung, welche Herkulesaufgabe eine ausreichende Vorsorge für das Alter bedeutet.

Der 40-jährige Mann, der 2500 Euro brutto verdient und 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, muss beim ersten Lösungsvorschlag (Riester-Anlage plus Betriebs- und Leibrente) 225 Euro monatlich für sein Alter abzwacken. Dabei wurde eine Verzinsung des Kapitals von 4,5 Prozent unterstellt.

Schon tiefer in die Tasche greifen muss derselbe Mann, wenn er nur 35 Jahre eingezahlt hat. Er muss 262 Euro berappen – bei einem Bruttoverdienst von 2500 Euro ist das kein leichtes Unterfangen. Wer dann nicht auf der Stelle mit dem Sparen anfangen kann, wird mit rasant steigenden Anlagebeträgen bestraft (siehe Kasten).

Auch Besserverdiener müssen sich zur Decke strecken. Nicht selten sind sie Akademiker und treten erst um den 30. Geburtstag herum in eine Festanstellung ein. Ein heute 40-Jähriger, der 5500 Euro brutto verdient, muss stolze 700 Euro pro Monat für später reservieren. Wie viel man von der Rate abziehen kann, wenn bereits Vermögenswerte vorhanden sind, gibt folgende Faustregel vor: Wer 50000 Euro in einen mit 6 Prozent pro Jahr verzinsten Mischfonds angelegt hat, darf 25 Jahre monatlich 300 Euro entnehmen, bis das Kapital aufgebraucht ist.

Es bleibt folgendes Fazit: Auch unter realistischen Annahmen ermittelte Sparraten sind eine bittere Pille. Guthaben morgen gleich Konsumverzicht heute, heißt vielfach die Gleichung. Doch je früher der Kassensturz erfolgt, desto eher kann er sich als heilsam erweisen.


Die größten Fehler bei der Altersvorsorge

Wer bei der privaten Finanzplanung die grössten Stolperstellen umgeht, hat bereits halb gewonnen. GELDidee hat häufige Fehler zusammengefaßt.

Zu lange warten

Viele Menschen sind nicht bereit, für die Altersvorsorge auf heutigen Konsum zu verzichten. Das rächt sich durch einen deutlich steigenden Vorsorgebedarf. Wer 40 Jahre anspart, muss monatlich 50 Euro beiseite legen, um später 100000 Euro zu erhalten. Wer zehn Jahre später beginnt, muss für die gleiche Summe schon 100 Euro berappen. Grund: Der Spätstarter profitiert weniger vom Zinseszinseffekt.

Am falschen Ende sparen

75 Prozent der Deutschen schaffen ihre sauer verdienten Euro-Scheine aufs Sparbuch. Ein Fehler: Dort verzinst sich Geld mit weniger als 2 Prozent. Mit einer Anlage in den breit aufgestellen Aktienindex MSCI Welt waren in den vergangenen 20 Jahren 8 Prozent per annum drin. 1 Prozent mehr Rendite – das macht bei 100 000 Euro Einlage in 25 Jahren 376 Euro mehr Rente aus – pro Monat.

Inflation vergessen

Die schleichende Geldentwertung führt dazu, dass heutige Sparer mit der gleichen Summe als Ruheständler weniger einkaufen können. Einer Faustregel nach halbiert sich in 30 Jahren die Kaufkraft. Wer anno 2038 über 1500 Euro Rente verfügen will, muss heute mit 3000 Euro kalkulieren. Auch Erbschaften schrump-fen durch die Geldentwertung zusammen.

Steuern überbewerten

Viele Anleger schielen bei der Geldanlage zuerst auf einen Steuervorteil. So ziehen sie oft steuerlich privilegierte Rentenversicherungen vor. Doch deren magere Rendite kann den Steuervorteil gegenüber einem abgeltungssteuerpfl ichtigen, aber gut verzinsten Fondssparplan zunichte machen.

Langlebigkeit unterschätzen

Die Deutschen werden immer älter. Von den heute geborenen Mädchen kann jedes zweite mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren kalkulieren. Selbst wenn das gesetzliche Renteneintrittsalter demnächst auf 70 Jahre hochgeschraubt wird, muss der Spargroschen dann noch immer 30 lange Jahre reichen.



Text Ingrid Müller
Artikel aus Heft 02/2008

Vorsorge


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