Altersvorsorge und Inflation - Was Ihre Rente später noch wert ist

Altersvorsorge Rente Inflation

Viele Anleger täuschen sich, was ihre Rente in 30 Jahren noch wert sein wird: Weil die Altersbezüge stagnieren, frisst die Inflation die Kaufkraft auf.

Das Eisbällchen beim Italiener um die Ecke ist schon wieder teurer geworden. Der Bäcker backt kleinere Brötchen zum selben Preis. Und die Zahlen an der Zapfsäule der Tankstelle drehen sich immer schneller. Seit die Inflation in Europa wieder auf 2,5 Prozent gestiegen ist, spüren die Verbraucher, was Geldentwertung heißt. Was vor allem jüngere Bundesbürger aber deutlich unterschätzen: Wie stark die Inflation langfristig wirkt.

Die unter 35-Jährigen meinen, die Kaufkraft von 100 Euro würde sich bei einer Inflation von 1,5 Prozent in 35 Jahren auf 77 Euro vermindern", sagt Bernd Katzenstein, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). „In Wirklichkeit geht sie auf knapp 60 Euro zurück."

Ein prekärer Irrtum, wenn es um die Kaufkraft ihrer späteren Rente geht. Denn bereits vor Berücksichtigung der Inflation geht es mit der staatlichen Versorgung bergab. „Echte Rentenerhöhungen wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben", fürchtet Professor Meinhard Miegel vom Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Altersbezüge sind an die Entwicklung der Einkommen gekoppelt – und die stagnieren seit Jahren. Laut statistischem Bundesamt stiegen die Löhne und Gehälter im Frühjahr 2005 gerade um 1,1 respektive 0,7 Prozent – so langsam wie seit 1995 nicht mehr. Viele Beschäftigte erhalten nicht einmal die ausgehandelten Tariferhöhungen. Besserung ist kaum in Sicht. „Da müsste die Wirtschaft schon längerfristig um 2,5 Prozent wachsen", so Miegel. Hinzu kommt die Überalterung der Gesellschaft: Immer weniger Beitragszahler stehen immer mehr Leistungsbeziehern gegenüber. Um das System zu retten, koppeln die Politiker die Renten- von der Lohnentwicklung ab. Bislang sind der Riester- und der Nachhaltigkeitsfaktor als Bremse installiert.

Rente verliert an Wert

Wenn aber die Alterseinkünfte auf Jahrzehnte stagnieren, frisst die jährliche Preissteigerung die Kaufkraft der Renten immer mehr auf! Wie viel Rente heute 30, 40 oder 50 Jahre alte Männer erhalten und wie stark die Inflation an den Bezügen nagt – Finanzberater Michael Huber vom Münchener VZ Vermögenszentrum hat für GELDidee die Probe aufs Exempel gemacht.

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Ausgegangen ist der Experte in allen Fällen von einer Lebensarbeitszeit von 37 Jahren – die Beispielrentner treten also 2022, 2032 und 2042 den Ruhestand an. Damit zahlen sie acht Jahre weniger Beiträge in die Rentenkasse als der so genannte Eckrentner, den der Gesetzgeber für den maximalen Rentenanspruch unterstellt. Doch der Musterrentner ist eine reine Kunstfi gur. In der Realität hat kaum ein Arbeitnehmer 45 Jahre lang stets den Durchschnittslohn verdient und während dieser Zeit brav seine Beiträge entrichtet. Schon jetzt zahlen Männer im Schnitt nur 40 Jahre lang Beiträge ein, Frauen bringen es sogar lediglich auf 26 Versicherungsjahre. In Zukunft werden es eher noch weniger sein: Arbeitslosigkeit, Teilzeit- oder Minijobs kosten wertvolle Einzahlungszeit. Die Ausbildungszeiten sind nicht nur länger geworden, sie werden auch nicht mehr als Beitragsjahre anerkannt. Gezählt werden sie lediglich als rentenrechtliche Zeit, wenn es beim Vorruhestand auf eine Mindestzahl von Beitragsjahren ankommt.

Bei der Teuerungsrate schrieb Huber den aktuellen Wert in die Zukunft fort: 2,5 Prozent per annum. Schließlich hält nicht nur die anstehende Mehrwertsteuererhöhung die Inflation auf Trab, auch die Preistreiber Öl und Benzin dürften die Geldentwertung weiter anheizen.

Das Ergebnis der Rechnung erschreckt. Zwar wird ein heute 30-Jähriger mit 2201 Euro eine doppelt so hohe Rente beziehen wie der frisch gebackene Ruheständler von heute. Doch mit der Inflation und der Rente verhält es sich wie beim Wettlauf von Igel und Hase: Weil die Renten nur langsam wachsen, ist die Teuerung immer schneller. Kostet eine Bahncard erster Klasse beispielsweise heute 412 Euro, werden es in 37 Jahren bei 2,5 Prozent Inflation stolze 1027 Euro sein. Berappt ein Rentner für die zweiwöchige Mittelmeer-Kreuzfahrt auf der „Queen Mary 2", Balkonkabine, heute 5640 Euro, blättert er 2043 satte 14062 Euro hin.

Kurz gesagt: Der Rentner anno 2043 hat zwar mehr Geld in der Tasche als der Senior von heute, kann sich aber weniger leisten. Seine Rente von 2201 Euro besitzt in 37 Jahren eine Kaufkraft von 883 Euro – gemessen an heutigen Preisen. Gegenüber dem Jetztrentner mit 1222 Euro nicht nur ein realer Einkommensschwund von 28 Prozent. Ohne weitere Einnahmen aus privater Altersvorsorge würde der Beispielrentner sogar zum Sozialfall.ar, Standard&Poor‘s sowie Feri.

Rentenversicherung entscheidend

Bei seiner Rechnung hat Huber noch mit minimalen Rentensteigerungen kalkuliert. Doch auf lange Sicht sind selbst Nullrunden nicht mehr zu halten – vermutlich werden die Bezüge gekappt. „Die Überalterung der Gesellschaft ist ein schleichender Prozess", so Huber. Laut dem Verband Deutsche Rentenversicherungsträger (VDR) hat sich die so genannte Rentenbezugsdauer in den vergangenen 45 Jahren im Schnitt von zehn auf 17 Jahre verlängert, ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Laut Huber heißt es deshalb auch nach der Riesterreform von 2002 und dem Alterseinkünftegesetz von 2005: Die Rente ist sicher – nur ihre Höhe nicht.

Schon jetzt hat die Bundesregierung de facto eine Rentenkürzung im Sinn – nicht direkt, das wäre verboten, sondern leise durch die Hintertür. Nach den Plänen der großen Koalition soll das abschlagfreie Renteneintrittsalter um zwei Jahre heraufgesetzt werden. Wer 1970 oder später geboren wurde, muss für die volle Rente bis 67 arbeiten. Scheidet er trotzdem mit 65 Jahren aus dem Berufsleben aus, verzichtet er auf bis zu 7 Prozent seiner Altersbezüge, rechnet DIA-Experte Katzenstein vor. Für die meisten Beschäftigten kommt das einer faktischen Rentenkürzung gleich. Schließlich ist wegen der hohen Arbeitslosigkeit schon heute nur eine Minderheit bis zum Alter von 65 Jahren beschäftigt.

Rentenzahlungen unterliegen seit der Einführung des Alterseinkünftegesetzes der nachgelagerten Besteuerung. Außerdem müssen Ruheständler seither Beiträge an die Krankenkasse und zur Pflegeversicherung zahlen. In Berlin kursiert nun aktuell das Gerücht, die große Koalition plane, den Zuschuss zur Krankenversicherung der Rentner zu kürzen.

Folge: Ruheständler müssten auf die gesetzliche Rente künftig nicht mehr nur den halben Beitragssatz zahlen, sondern 80 Prozent – einer weitere versteckte Rentenkürzung um etwa 4 Prozent. weil viele Anleger beim Gedanken an die Schrumpfrente ein mulmiges Gefühl beschleicht, haben sie das Vorsorgeproblem offensichtlich verdrängt: Nach einer Allensbach-Studie hat bislang nur etwa jeder dritte der heute 25- bis 60-jährigen Bundesbürger ausgerechnet, wie viel Geld er im Alter in etwa zur Verfügung haben wird.

Frühzeitig über Rentenversicherung informieren

Doch Verdrängen ist die falsche Strategie. Wer sich für seine Rentenansprüche nicht interessiert, kann nicht sinnvoll vorsorgen. Anhaltsspunkt kann trotz aller Kritik die Renteninformation sein, die die Deutsche Rentenversicherungsanstalt (DRV) in diesen Wochen 42 Millionen Mal verschickt. „Mittlerweile haben diese Hochrechnungen für den Bürger einen höheren Wert, sie sind besser geworden", konstatiert Rentenexperte Katzenstein. 2005 hatte die DRV in ihren Prognosen noch eine jährliche Steigerung der Altersbezüge von 1,5 beziehungsweise 2,5 Prozent unterstellt. Jetzt hat sie die Rate in beiden Szenarien immerhin um 0,5 Prozentpunkte gekürzt. Die DRV-Prognose muss jetzt noch um die Teuerungsrate bereinigt werden. Wer im Internet das Stichwort Infl ationsrechner in eine Suchmaschine eingibt, findet viele Seiten, auf denen er online die künftige Kaufkraft seiner Rente ausrechnen kann.

Aktueller als die Renteninformation ist der Rentenschätzer des DIA. Der Wirtschaftsprofessor Reinhold Schnabel, der das Rechenmodell für das DIA entwickelt hat, geht bei der Rente bis 2010 von Nullrunden aus. Außerdem rechnet das DIA mit dem heutigen Einkommen, während die Renteninformation auf den Entgeltpunkten der letzten fünf Jahre beruht. Die Folge: Wenn das Gehalt in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen ist, weist der DIA-Rechner höhere Bezüge aus als die Information der DRV. Umgekehrt können die DIA-Renten deutlich niedriger liegen, wenn das Entgelt in den letzten Jahren stagnierte oder sogar gefallen ist.

Finanzplaner Michael Huber hat für GELDidee eine Beispielrechnung durchgeführt: Wie viel Geld werden heute 30, 40 und 50 Jahre alte Arbeitnehmer künftig erhalten und wie stark schrumpft die Rente durch die Inflation.

DIE ANLEGER: Einem frisch gebackenen Rentner werden ein 30-jähriger, ein 40-jähriger und ein 50-jähriger Mann gegenübergestellt.

IHR EINKOMMEN: Alle beziehen ein Bruttoeinkommen von 40000 Euro im Jahr. Das Einkommen des 30-Jährigen steigt jährlich um 3,5 Prozent, das des 40-Jährigen um 3 Prozent und das des 50-Jährigen um 2,5 Prozent.

IHR BERUFSLEBEN: Alle sind mit 25 Jahren ins Berufsleben eingetreten und haben zwischenzeitlich fünf Jahre keine Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt. Der 50-jährige Mann arbeitet bis zum 66. Lebensjahr und geht 2022 in Rente. Die beiden jüngeren Männer müssen bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Sie gehen 2033 und 2043 in Rente.

DIE INFLATION: Aktuell beträgt die Infl ation in Europa 2,5 Prozent. Dieser Wert wurde für die Zukunft fortgeschrieben.

DIE RENTE: Huber unterstellt eine Steigerung von 1 Prozent pro Jahr.

DAS ERGEBNIS: Weil die Rente in Minischritten steigt, werden die Rentner anno 2022, 2033 und 2043 mehr Geld beziehen als der Senior von heute. Allerdings: Weil die Infl ation höher ist als das Rentenplus, schrumpft unter dem Strich der reale Wert der Bezüge. Der 30-jährige Mann erhält zwar 2201 Euro. Doch weil bis 2043 auch die Preise kräftig gestiegen sind, entspricht das einem heutigen Wert von 883 Euro – gegenüber dem heutigen Rentner mit Bezügen von 1222 Euro ein dickes Minus von 28 Prozent.

Im Interview:

Rentenexperte Bernd Katzenstein vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA)

GELDidee: 42 Millionen Bundesbürger erhalten derzeit ihre „Renteninformation" von der gesetzlichen Rentenkasse – wie realistisch sind die Prognosen?

Katzenstein: Die Hochrechnungen sind nicht mehr so abenteuerlich hoch wie früher. Trotzdem sind sie von der Realität noch weit entfernt. Das beginnt damit, dass eine 1,5-prozentige Steigerung der Rentenhöhe unterstellt wird. Dabei werden wir bis weit ins nächste Jahrzehnt Nullrunden sehen.

GELDidee: Aus der Nullrunde dürfte für viele eine Schrumpfrunde werden – Stichwort Rente mit 67?

Katzenstein: Das ist ein weiteres Manko der Prognose. Sie unterstellt einen Rentenbeginn mit 65. Nach den Plänen der großen Koalition folgt ab 2012 aber der schrittweise Einstieg in die Rente mit 67. Auch eine Nachfolgeregierung dürfte an dieser allgemein erkannten Notwendigkeit kaum vorbeikommen. Wer trotzdem mit 65 aus dem Berufsleben ausscheiden möchte, verzichtet damit auf bis zu 7 Prozent seiner Altersbezüge.

GELDidee: Zeiten der Arbeitslosigkeit drücken die Prognosen weiter.

Katzenstein: Ein Trend mit fatalen Folgen. Für viele Personengruppen könnte das Rentenniveau nach dem Jahr 2050 auf den Sozialhilfesatz absinken.

GELDidee: Dabei wurde die Inflation nicht einmal berücksichtigt.

Katzenstein: Die Rentenanstalt weist in ihren Bescheiden zwar auf die Gefahr der Geldentwertung hin. Sie sollte aber unbedingt die Preissteigerung in die Prognoserechnung einbeziehen. So könnte sie die Illusion darüber verhindern, was eine Rente im Ruhezustand wirklich wert ist. Und würde zum Vorbild für die Versicherer werden, die in ihrer schriftlichen Information ebenfalls die Inflation vernachlässigen. Schon geringe Inflationsraten können sich beim späteren Rentenbezug als wahrer Kaufkraftkiller erweisen.

Text Ingrid Müller
Artikel aus Heft 09/2006

Vorsorge


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