Zwei-Klassen-Medizin des deutschen Gesundheitssystems

Deutsches Gesudheitssystem

Wartezeiten, Service, Versorgung: Laut Expertenmeinungen klafft zwischen den Leistungen für Kassen- und Privatpatienten eine immer größere Kluft. Doch nicht jede Bevorzugung ist auch wirklich ein Vorteil.

Gute Behandlung? Das ist in Deutschland vor allem eine Frage der Krankenversicherung. Denn Privat- und Kassenpatienten genießen schon lange nicht mehr dieselben Rechte und Leistungen. „Deutschland ist in Gesundheitsdingen auf dem Weg zum Zwei-Klassen-Staat“, sagt der Gesundheitsökonom und SPD-Bundestagsabgeordnete Professor Karl Lauterbach.

Grundsätzlich ist die Qualität der Behandlungen von Kassenpatienten in Deutschland – im Vergleich zu vielen anderen Nationen – noch immer sehr gut. Ein internationaler Vergleich des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zwischen Kanada, Australien, Neuseeland, Großbritannien, den USA und Deutschland aus dem Jahr 2005 belegt das. Demnach hat die Bundesrepublik die kürzesten Wartezeiten, Laborbefunde sind verlässlicher und liegen schneller vor, Patienten haben mehr Möglichkeiten bei der Arztwahl, bekommen im Krankenhaus seltener eine Infektion und wer chronisch krank ist, wird häufiger und regelmäßiger präventiv untersucht.

Trotzdem ist rund ein Drittel der deutschen Patienten mit dem Gesundheitssystem unzufrieden. Das betrifft vor allem Kassenpatienten. Sie fühlen sich gegenüber Privatpatienten oft benachteiligt. Der Grund: Weil die meisten niedergelassenen Mediziner auf eigene Rechnung arbeiten, sind für sie Behandlungen von Privatpatienten das lukrativere Geschäft. Eine Studie der Stiftung Gesundheit von 2006 hat festgestellt, dass niedergelassene Ärzte in Deutschland durch die Behandlung von Kassenpatienten gerade einmal 65 Prozent ihres Praxisumsatzes bestreiten – und das, obwohl rund 90 Prozent aller Patienten in der GKV versichert sind. Privatpatienten tragen im Schnitt 20 Prozent zum Ertrag in der Praxis bei. 5 Prozent kommen aus Selbstzahlerleistungen (IGeL – Individuelle Gesundheitsleistungen), 10 Prozent von sonstigen Tätigkeiten.

Die unterschiedlichen Vergütungssysteme, nach denen private und gesetzliche Kassen zahlen, treiben bizarre Blüten. Für Kassenpatienten steht dem Mediziner jedes Quartal nur ein gewisses Budget zur Verfügung. Die Leistungen werden anhand eines Punktesystems verteilt. Wird dieses Budget überschritten, können keine weiteren Behandlungen abgerechnet werden. Die Folge: Oft schon vor Quartalsende sind die Reserven ausgeschöpft und viele Ärzte behandeln Patienten dann kostenlos. Statistisch erhält jeder Kassenarzt für rund ein Drittel seiner Leistung kein Geld. Für Privatpatienten können Ärzte – je nach Tarif – bis zum 3,5-fachen GOÄ-Satz (Gebührenordnung für Ärzte) verlangen. Und das heißt: Auch 2009 werden viele Ärzte versuchen, weniger dringende Behandlungen von Kassenpatienten auf das nächste Quartal zu verlegen.

Dreimal längere Wartezeiten für gesetzlich Versicherte

Fachärzte sind zwar per Kassenarztrecht verpflichtet, ihre Termine nach medizinischer Dringlichkeit zu vergeben und nicht nach Zahlungskräftigkeit. Die Wahrheit aber sieht oft anders aus: Kassenpatienten warten im Schnitt dreimal so lang auf eine Behandlung wie Privatpatienten. Das belegt eine Untersuchung am Institut für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemologie an der Uni Köln für den Raum Köln/Bonn/Leverkusen.

Text Sebastian Meissner
Artikel aus Heft 02/2009

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