Versicherungsbetrug durch falsche Angaben

Oft sind Versicherungsnehmer selbst schuld, wenn der Versicherer nicht zahlen will. Wer seine Obliegenheiten beachtet, kann Probleme vermeiden.

Den Sinn für die Wirklichkeit hat manch einer nicht verloren. „Die Menschen in Deutschland haben zwei große Leidenschaften, Steuerhinterziehung und Versicherungsbetrug“, sagt Reinhold M. aus München. Seinen Namen will der 46-Jährige nicht nennen, was kaum wundert. Denn seit 20 Jahren ist M. bei einem großen Versicherer als Sachbearbeiter tätig. Gebiet: Kfz-Versicherung, Aufgabe: Schadenregulierung. Besonders anspruchsvoll ist M’s. Klientel nicht. Denn die Kundschaft will nur zweierlei, nämlich „Geld, und das so schnell wie möglich“, weiß der Versicherungskaufmann. Dabei ist kein Geheimnis: Um ans Geld zu kommen, lässt manch ein Versicherungsnehmer gern auch mal fünfe gerade sein. Ob es sich dabei um eine eigentlich harmlose Schummelei oder aber um handfesten Versicherungsbetrug handelt, ist letztlich egal. Wer schwindelt, setzt seinen Versicherungsschutz aufs Spiel. Nach einem Schaden sind die vertraglich vereinbarten Leistungen perdu. Nur dass die Pfl ichten im Versicherungsdeutsch nicht als solche bezeichnet werden, sondern Obliegenheiten heißen.

Diese müssen Policenkunden schon beachten, bevor der Versicherungsschutz läuft, nämlich beim Ausfüllen des Antrages. „Oberstes Gebot des Versicherungsnehmers ist die Wahrheitspfl icht“, erläutert Michael Bücken, Rechtsanwalt und Partner in der Sozietät Hecker, Werner, Himmelreich&Nacken sowie Spezialist für Versicherungsrecht in Köln. Im Antrag müssen deshalb sämtliche Fragen wahrheitsgemäß und peinlich genau beantwortet werden. Keine Schikane der Versicherer. Schließlich wollen sie soweit wie möglich das Risiko kalkulieren können, das sie mit Annahme eines Versicherungsantrags eingehen.
Besonders heikel sind da Policen, die personenbezogene Vorsorge bieten. „Bei der privaten Kranken- und der Berufsunfähig-keitsversicherung ist die Beantwortung der Gesundheitsfragen das A und O“, erläutert Bücken. Aus Angst davor, dass die Assekuranz einen Antrag nicht akzeptiert, werden bisweilen aktuelle Wehwehchen und erst recht chronische Erkrankungen verschwiegen. Fällt das aber nicht schon bei der Antragsbearbeitung, sondern erst nach Jahren auf, schaut es mit dem Versicherungsschutz ziemlich schlecht aus.

Was für Menschen frühere oder aktuelle gesundheitliche Molesten, das sind bei der Sachversicherung die Vorschäden. Folge: „Die Fragen im Antrag gerade nach diesen Vorschäden müssen ebenfalls wahrheitsgemäß beantwortet werden, wenn man zum Beispiel eine Gebäude- oder eine Kfz-Vollkasko-Versicherung abschließen möchte“, sagt Rechtsanwalt Bücken. Sofern die Fragen unverständlich oder mehrdeutig sind, sollte man beim Versicherer nachfragen.

Problematisch kann es auch werden, wenn die Assekuranz wissen will, ob der Antrag von einem anderen Versicherer zuvor bereits abgelehnt oder ein Versicherungsvertrag gekündigt wurde. Auch wenn sich manch ein Versicherungskunde für die Wahrheit schämt, dabei bleiben sollte er in jedem Fall. Erneut gilt: Durch eine falsche Antwort werden die Obliegenheiten verletzt.

Tipp: Wird der Antrag im Beisein eines Versicherungsvermittlers oder -agenten ausgefüllt, so müssen Policenkunden vor allem bei der Beantwortung der Gesundheitsfragen aufpassen. Es empfiehlt sich, genau hinzuhören, ob die „Informationen des Beraters von den schriftlichen Fragen abweichen“, warnt Bücken. Denn maßgeblich sei nicht, was der Vermittler seinem Kunden erläutert, sondern allein die schriftlichen Fragen im Versicherungsantrag. Bei Unsicherheiten sollte der Kunde vor seiner Unterschrift erneut bei seinem Versicherer Ungereimtheiten klären.

Einmal Risiko, immer Risiko? Das könnte man meinen, aber die Assekuranzen machen es sich aus eigenem Interesse nicht so einfach. Denn während der Vertragslaufzeit kann das Leistungsrisiko für den Versicherer durchaus steigen.

Klassische Fälle bei der Wohngebäudeversicherung sind das über längere Zeit leerstehende Eigenheim oder das Gerüst, das ein Handwerker für seine Malerarbeiten an die Fassade genagelt hat. „Beides muss dem Versicherer, und zwar unaufgefordert, gemeldet werden. Passiert das nicht, gibt es im Schadenfall, etwa nach einem Einbruchdiebstahl, erhebliche Probleme mit dem Versicherer“, warnt Rechtsanwalt Bücken. Allgemein gilt: Der Versicherungsnehmer muss sämtliche Ereignisse und Umstände, die das Risiko auf Seiten der Assekuranz vergrößern, rechtzeitig und ohne Aufforderung melden.

Immer bei der Wahrheit bleiben – so lautet erst recht das Motto im Fall der Fälle, nämlich nachdem sich ein Schaden ereignet hat. Spätestens dann sollte man die Versicherungsbedingungen sorgfältig studieren. Plausible Begründung: „In diesem Kleingedruckten stehen möglicherweise Pflichten, die man bislang nicht gekannt hat“, sagt Anwalt Bücken.

Jeder Schaden muss unverzüglich, spätestens innerhalb einer Woche, vollständig und richtig gemeldet werden. Ganz gleich, ob es sich dabei um eine private Unfall-, Wohngebäude- oder Hausratpolice handelt.

Trotz moderner Kommunikationsmittel – am besten ist es immer noch, den Schaden schriftlich entweder per Einschreiben oder aber übers Fax mitzuteilen. Wer seinen Versicherer übers Telefon informiert, sollte sich das schriftlich bestätigen lassen. „Die Weisungen des Sachbearbeiters beim Versicherer sollte man nach einem Schaden unbedingt beachten“, rät Bücken. Grundsätzlich seien Versicherungsnehmer dazu verpfl ichtet, den Schaden möglichst gering zu halten.

Nach Erkenntnissen der deutschen Versicherungswirtschaft, die auf internen Statistiken beruhen, wird vor allem bei Kfz-Schäden geschummelt und auch gelogen, dass sich die Balken biegen. Unwidersprochene Schätzungen besagen, dass den Kfz-Versicherern durch Betrug Jahr für Jahr ein Schaden von mehr als 1 Milliarde Euro entsteht. Und das, obwohl die Unternehmen über Datenbanken miteinander vernetzt sind. Nicht zu unterschätzen ist deshalb die Gefahr, dass auch ehrliche Versicherungskunden aus Unachtsamkeit bei der Schadenmeldung ins Visier der Assekuranzen geraten. „Hier gibt es oft Ärger, sobald der Kfz-Versicherer in der Schadenmeldung nach der Laufl eistung des Fahrzeugs, der Anzahl der Vorbesitzer, der Höhe des Kaufpreises und nach den Vorschäden fragt“, weiß Bücken.

Auch wenn die Meinungen häufig darüber auseinandergehen, ob und in welchem Umfang der Versicherungsnehmer bei der Schadenmeldung Fehler gemacht hat – eines ist klar: Unfallfl ucht ist zweifellos eine Pfl ichtverletzung. Und wer sich nach einem Crash aus dem Staub macht, der gefährdet seinen Versicherungsschutz. „Bei der Kfz-Haftpfl icht kann dies zu Regressforderungen bis 5000 Euro je Schaden führen. Und bei der Kfz-Vollkasko ist der gesamte Versicherungsschutz gefährdet“, warnt Versicherungsrechtsexperte Bücken vor unbedachten Handlungen.

Für Sachbearbeiter M. ist das Alltag und nichts Außergewöhnliches. Er weiß aber auch, dass mittlerweile ein deutlich rauerer Wind in den Büros der Versicherer weht. Kosten runter, Erträge hoch, so lautet die Devise. „Schon seit längerem schauen wir genauer hin als früher“, griemelt der Schaden-Sachbearbeiter. Für seinen Chef ist das eine Genugtuung, Versicherungsnehmer könnten dies aber auch als Drohung verstehen.

Text: Heinz-Josef Simons
Artikel aus Heft 04/2006

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