Versicherte mit mehr Rechten

Versicherte mit mehr Rechten

Versicherte erhalten ab 2008 mehr Rechte gegenüber Vertretern und Gesellschaften. Grund genug, mit Vertragsabschlüssen bis dahin zu warten.

Typischer Konflikt: Der Kunde erwartet ausführliche Aufklärung, der Versicherungsvertreter will möglichst schnell zum Abschluss kommen. Jetzt stärkt die erste große Reform des fast hundert Jahre alten Versicherungsvertragsgesetzes die Belange der Kunden. „Mehr Verbraucherschutz und mehr Interessenausgleich“ – so lautet das erklärte Ziel der Bundesregierung.

Die Reform kommt bei Experten wie Lilo Blunck, Geschäftsführerin des Bundes der Versicherten (BdV) in Henstedt-Ulzburg bei Hamburg, gut an. Sie meint: „Endlich wird das Versicherungsrecht verbrauchergerechter. Das ist ein entscheidender Schritt zu mehr Gerechtigkeit“. Bei so viel Lob sollten sich Versicherungsnehmer überlegen, ob sie mit dem Abschluss einer Police vielleicht bis nach Silvester warten können. Denn für Neuabschlüsse gelten die neuen Regeln ab 1. Januar, bei laufenden Verträgen Teile erst ab 2009. Was sich im Einzelnen ändert:


Policenmodell

Bisher ist es üblich, dass die genauen Vertragsbedingungen erst mit dem Versicherungsschein übersandt werden. Künftig hat der Kunde Anspruch darauf, diese schon vorher zu erhalten, damit er sie in Ruhe lesen und studieren kann. Wer es besonders eilig hat und darauf verzichten will, muss dies der Versicherung schriftlich mitteilen. Tipp: Experten warnen davor, weil der Vorteil ausschließlich bei der Assekuranz liegt.


Vorerkrankungen

Ständiger Anlass für Stress und Ärger, allzu häufi g der Grund für eine Klage oder den Gang zum Ombudsmann: Mancher Versicherungsnehmer vergisst, im Antrag frühere Krankheiten anzugeben. Im Ernstfall führt dies oft dazu, dass die Gesellschaft Leistungen verweigert. Die Reform erschwert diese Praxis. Künftig kann sich die Versicherung nur noch auf falsche Angaben berufen, wenn sie ausdrücklich im Antrag diese Krankheiten abgefragt hat.

Beispiel: Jemand hatte vor zehn Jahren psychisch bedingt starke Rückenschmerzen, die er physiotherapeutisch und orthopädisch behandeln ließ. Die Sache ist für den Versicherten längst vergessen, weshalb er das Leiden im Antrag nicht angegeben hat. Für die Assekuranz bisher allzu oft ein Grund, im Ernstfall Zahlungen zu verweigern. Künftig muss sie solche Beschwerden bei Vertragsabschluss genauer abfragen. Die Versicherung kann zudem nur innerhalb der ersten fünf Vertragsjahre von ihren Verpflichtungen zurücktreten, wenn der Kunde dazu falsche Angaben gemacht hat. Es wird für den Versicherten also besser. Ein Grund, mit dem Abschluss zu warten.


Dokumentation

Was im Beratungsgespräch mit dem Vermittler angesprochen wird, ist ab 2008 genau zu protokollieren. Vor allem muss der Vertreter nachfragen, was der Kunde braucht und will. Beispiel: Die Familie plant eine Reise nach Übersee mit dem eigenen Wagen, weshalb eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen werden soll. Der Berater empfiehlt – ohne konkret die Bedürfnisse zu ermitteln – einen kostengünstigen Schutz nur für Europa. Wenn es zum Schadensfall kommt, ist er ab dem nächsten Jahr bei Neuabschlüssen ersatzpflichtig. Bei Altverträgen gilt dies ab 2009.


Grobe Fahrlässigkeit

Bisher schließt die Assekuranz jede Leistung aus, wenn der Kunde grob fahrlässig gehandelt hat. Typischer Fall: Die Familie verlässt in Eile morgens das Haus, der Letzte vergisst die Fenster im Parterre zu schließen, eines bleibt auf kipp. Dann gibt es bei einem Einbruch derzeit keinerlei Ersatz, künftig jedoch muss die Versicherung wenigstens einen Teil des Schadens übernehmen. Versicherungsexperten befürchten, dass über die genaue Quote demnächst die Gerichte entscheiden müssen.


Rechtsstreit

Kommt es zu einer Klage, weil die Assekuranz ihre Leistung verweigert, steht der Versicherte bislang noch unter Zeitdruck. Er muss innerhalb von sechs Monaten nach der schriftlichen Absage vor Gericht ziehen. Diese Frist wird im kommenden Jahr aufgehoben.


Bessere Renditen

Wie viel die Kapitallebenspolice beim Ende der Laufzeit bringt, ist für viele Versicherte eine Black Box. Doch nach der Reform müssen die Gesellschaften einiges mehr offen legen.

Stille Reserven

Die Gesellschaften haben ihre Kunden ab 2008 auch an ihren stillen Reserven zu beteiligen. Die Versicherten sind über deren Höhe zu informieren. Bei Auszahlung erhalten sie die Hälfte des auf ihr Anlagevolumen entfallenden Anteils. Das gilt bei Altverträgen für den Rest ihrer Laufzeit, für bisherige Überschussbeteiligungen ändert sich nichts.

Rückkaufswert

Viele Versicherte ärgern sich bei vorzeitiger Kündigung, wie wenig sie herausbekommen. Wer kurz nach Abschluss aussteigt, erhält oft weniger zurück als er eingezahlt hat. Neuverträge müssen sich ab 2008 an dem Betrag orientieren, den der Kunde eingezahlt hat – plus Zinsen.

Abschlusskosten

Sie sind künftig auf die ersten fünf Jahre zu verteilen. Viele Gesellschaften verrechnen die Abschlusskosten bisher mit den Prämien in den ersten zwei Jahren. Zudem sind die Abschluss- und Vertriebskosten künftig genau mitzuteilen und zu beziffern.




Text Klaus Mainz
Artikel aus Heft 12/2007

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