Lebensversicherung zur Vorsorge

Im Jahr zwei nach dem weit gehenden Wegfall des Steuerprivilegs bekommt die Lebensversicherung ein neues Gesicht. Sie wird flexibler und chancenreicher.

Totgeglaubte leben vielleicht nicht länger, aber anders. Nach dem Quasi-Wegfall ihres Steuerprivilegs galten die Kapitalpolicen als Auslaufmodell. Der Schein trügt. Mittlerweile hat die Versicherungsbranche ihre Lethargie nach dem großen Bang zum 1. Januar 2005 fast überwunden.

RÜCKBLICK. Wie wichtig sichere Steuerersparnisse jahrzehntelang offenbar fürs Neugeschäft der Policen-Industrie waren, zeigt das Jahr eins nach Straffung der Steuerzügel. Der Verkauf von Kapitalversicherungen brach in 2005 nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf nur noch 7,8 Millionen Stück ein. Deutlich weniger als ein Jahr zuvor, als wegen der Schlussverkaufs-stimmung noch fast zwölf Millionen Neuverträge unters Volk gebracht wurden.

Ein Dilemma für alle Beteiligten. Denn auch künftig dürften gesetzliche Rentiers weniger Speck auf die Rippen bekommen. Leistungskürzungen werden – politisch geschickt – verpackt durch Begriffe wie „Nachhaltigkeitsfaktor".

Zugleich steigt die Lebenserwartung in den nächsten Jahren deutlich an. So hat ein heute 65-Jähriger statistisch gesehen noch weitere 24 Jahre vor sich. Die Wahrscheinlichkeit, hundert Jahre alt zu werden, wird in den nächsten 30 Jahren doppelt so hoch sein wie jetzt. „Die erfreuliche Chance, immer länger zu leben, ist das wohl am meisten un-terschätzte Risiko in Deutschland", glaubt MLP-Vorstand Gerhard Frieg.

ÜBERBLICK. Tatsächlich werden die traditionsreichen Investments Lebens- und private Rentenversicherung durchgeschüttelt von einem Innovationsschub. „Denn weil die Steuerketten durch den Gesetzgeber nahezu völlig gesprengt worden sind, können die Vorsorgeangebote weitaus fl exibler auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten werden", meint Karl-Heinz Reimer, Vorstandssprecher des Research- und Analysehauses FSS online AG.

Hintergrund: Bei Abschlüssen bis Ende 2004 galten Vertragsänderungen während der Laufzeit einer Police, etwa die Aufstockung des Beitrags, oft als steuerschädlich. Nach einer solchen „Novation", so der Fachbegriff, mussten erneut zwölf Jahre vergehen, damit der Policen-Inhaber seine Steuervorteile nutzen konnte.

Der zweite Ruck durch die Branche resultiert aus der ab 2007 avisierten Absenkung des Garantiezinses von derzeit 2,75 auf dann 2,25 Prozent. Grund für diese Kappung ist der in den vergangenen Jahren dramatische Verfall der Anleihenrenditen. Doch „eine geringere Zinsgarantie und weniger Steuervorteile als früher machen Versiche-rungslösungen für die private Altersvorsorge nur auf den ersten Blick weniger attraktiv", glaubt Marktkenner Reimer. Bei näherem Hinschauen nämlich birgt die neue, große Freiheit erhebliche Vorteile. Dies zeigt die Vielfalt unterschiedlicher Produktneuheiten in den vergangenen Monaten.

Dabei stellt sich heraus, „dass fondsge-bundenen Lösungen mit und ohne Garantien die Zukunft gehört", ist MLP-Vorstand Frieg überzeugt. Zweiter Trend: Private Renten-Policen sind eindeutig auf dem Vormarsch. Und diese in unterschiedlichen Varianten und somit zugeschnitten auf die individuellen Lebensumstände des Vorsorgers. Dabei orientieren sich die Anbieter in Deutschland zunehmend an US-amerikanischen Vorbildern, den „Universal-Life"-Konzepten. Und wer Garantien will, der bekommt sie auch. Dafür muss er aber geringere Renditechancen beim Aufbau des Versorgungskapitals in Kauf nehmen (siehe Kästen).


DIE NEUEN VORSORGEKONZEPTE

DIE BEITRÄGE SIND SICHER. In puncto Geldanlage sind die Menschen, so scheint es, richtige Hasenfüße. Mit der Risikoscheu bei der privaten Altersvorsorge hat es wohl auch zu tun, dass Kapital-Policen aufgrund ihrer Garantieverzinsung in der Vergangenheit weggegangen sind wie warme Semmeln. Bei einer der Policen-Innovationen, vorzugsweise der privaten Rentenversicherung, gibt es keinen Mindestzins mehr, sondern die Zusicherung, dass die Beiträge zum Vertragsende in jedem Fall erhalten bleiben. Bei Rentenbeginn kann der Policen-Inhaber wählen zwischen lebenslang gleich hohen und allmählich steigenden Leistungen. Privatrentiers sollten darauf achten, dass ihr Versicherer ihnen die Möglichkeit bietet, das Versorgungskapital in der Rentenzeit in schwankungsarmen Anlageformen zu deponieren. „Der Versicherungsnehmer sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass solche Beitragsgarantien Geld kosten und deshalb die Renditechancen während des Vermögensaufbaus schmälern", sagt Karl-Heinz Reimer, Sprecher von FSS online AG. Ein Verzicht darauf kann im langfristigen Schnitt ein Renditeplus von mehreren Zehntel Prozentpunkten ausmachen.

HÖCHSTSTÄNDE WERDEN FESTGEZURRT. Aktien und Aktienfonds sind langfristig das renditestärkste Investment. Doch immer wieder kommt es zu Kon-solidierungen und Rückschlägen, wie die Entwicklung an den internationalen Aktienmärkten seit Mitte Mai zeigt. Innerhalb von nur zwei Wochen schwächte sich der Deutsche Aktienindex DAX spürbar ab. Solche Ereignisse, zumal sie oft überraschend kommen, können sich auf die Vermögensstra-tegie zur privaten Altersvorsorge fatal auswirken. Neue fondsgebun-dene Versicherungskonzepte sehen deshalb keine Beitrags-, sondern Höchststandsgarantien vor. Das erreichte Niveau der in den Policen enthaltenen Fondsinvestments wird regelmäßig festgezurrt. Künf-tige Schwächephasen an den Aktienmärkten führen deshalb nicht zwangsläufi g zu Verlusten. Derartige Höchststandsgarantien bewahren bei Rentenbeginn vor bösen Überraschungen. Und während seiner Goldenen Jahre kann sich der Versicherungsnehmer und Privat-Rentier wie üblich für gleich hohe oder stetig steigende Rentenzahlungen entscheiden. Doch auch hier gilt: Solche Sicherheitsnetze kosten Geld und schmälern langfristig, nicht zuletzt weil der Zinseszinseffekt nur begrenzt wirken kann, die Renditechancen.

FONDSPOLICEN OHNE GARANTIE. Ganz gleich, ob nun nur die Beiträge zum Vertragsende sicher sind oder Höchststände: Garantien kosten Geld. Sinnvoll sind Sicherungsnetze, wenn die An-sparphase nur einige wenige Jahre dauert. Aber dies ist bei der privaten Altersvorsorge, die sich über Jahrzehnte erstreckt, anfangs nicht der Fall. Deshalb: Je länger der Vermögensaufbau mit in Policen enthaltenen Aktienfonds dauert, desto eher können Versicherungsnehmer auf kostspielige und renditeschmälernde Garantien verzichten. Zu Recht setzen junge Policen-Sparer auf fondsgebundene Renten ohne jegliche Beitrags- oder Höchststandsgarantien. „Der Anleger sollte allerdings berücksichtigen, dass er mögliche Verlustrisiken ganz allein trägt", warnt Karl-Heinz Reimer von FSS online AG vor zu großer Euphorie. Gleichwohl sollten die langfristigen Renditechancen von (Aktien)Fondsinvestments dies ausgleichen. Tipp: Policensparer sollten Angebote bevorzugen, die kurz vor Vertragsende ein so genanntes Ablaufmanagement vorsehen. Dabei wird das Vermögen in schwankungsärmere Fonds umgeschichtet. Möglich ist auch, das Vertragsende um weitere Jahre hinauszuschieben, falls die Kapitalmärkte aktuell eine Schwächephase durchlaufen.

FÜR JEDE LEBENSLAGE. Das Konzept stammt aus den USA. Dort zählen „Universal Life-Policen" zu den beliebtesten Vorsorgekonzepten. In Deutschland sind sie auf dem Vormarsch – vor allem Dank des weit gehenden Wegfalls früherer Steuervorteile. Der Versicherungsnehmer hat praktisch sämtliche Freiheiten, weil er während der Laufzeit den Versicherungsschutz, die Beiträge, die Anlagestrategie und auch die späteren Auszahlungsmodalitäten anpassen kann, ohne gravierende steuerliche Nachteile befürchten zu müssen. So können also während des Vermögensaufbaus, abhängig von den persönlichen Möglichkeiten und Bedürfnissen, etwa die Beiträge heraufgesetzt oder verringert werden, der Versicherungsschutz kann nach oben und nach unten angepasst, die strategische Ausrichtung des Fondsinvestments verändert werden. In der Verfügungsphase, so der Fachbegriff, hat dann der Anleger und Vorsorger die freie Wahl zwischen einer Kapitalauszahlung, lebenslang gleichbleibenden oder stetig steigenden Rentenzahlungen. Sogar eine Mischung aus beidem ist möglich. Für Karl-Heinz Reimer ein „Quantensprung, der das Neugeschäft der Lebensversicherer erheblich beleben dürfte".



Text Heinz-Josef Simons
Artikel aus Heft 09/2006

Vorsorge


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