Hausarzttarif - das Wichtigste im Überblick

Hausarzttarif - das Wichtigste im Überblick

Nur wenige Krankenkassen bieten derzeit schon einen Hausarzttarif an. Doch kann sich der Einstieg für die Patienten lohnen. Was Sie wissen müssen.

Glaubt man der Gesundheitsministerin Ursula Schmidt, was bisweilen recht schwierig scheint, so braucht jeder Patient einen Lotsen, der ihm den Weg im Dschungel des deutschen Gesundheitswesens weist. Und dieser Lotse, der Mann oder die Frau mit Überblick und Weitsicht, soll – nahe liegend – der jeweilige Hausarzt sein.

Er oder sie ist im Krankheitsfall die erste Anlaufstelle und entscheidet, ob und welcher Facharzt bei der Behandlung hinzugezogen wird. Das alles verbessere die Versorgung der Patienten, nutze die medizinischen Ressourcen effizienter und kostengünstiger und spare den Patienten zugleich Geld, ließ Schmidt ihre Überzeugung kundtun.

Heraus kam in der Gesundheitsreform, die zum 1. April vergangenen Jahres startete, als gesetzliche Vorgabe das, was früher oft schon gang und gäbe war: das sogenannte Hausarztmodell. Im Krankheitsfall sucht der Patient zuerst seinen Leib- und Magenmedikus auf und zahlt ihm 10 Euro Praxisgebühr.

Der Allgemeinmediziner schreibt bei Bedarf Verordnungen oder Überweisungen für Fachärzte, was dem Patienten bei Konsultation eine erneute Praxisgebühr erspart. Die Krankenkassen profitieren vom Wegfall kostspieliger Doppeluntersuchungen, wenn das Mitglied ohne Erstkonsultation den Spezialisten aufsucht.

Weil dies zumindest in der Theorie recht überzeugend klingt, verpflichtete die Große Koalition in ihrer Gesundheitsreform die gesetzlichen Krankenkassen, ihren Mitgliedern zu dieser Vorgabe passende „Hausarzttarife“ anzubieten. Kassenpatienten können einen solchen Tarif wählen, um die Praxisgebühr bei den Fachärzten zu sparen, sie müssen es aber nicht. Falls sie dies tun, sind sie zwölf Monate daran gebunden.

Doch überwältigt vor Begeisterung und felsenfest überzeugt vom Nutzen des Hausarztmodells sind die Krankenkassen offenbar nicht. Nur ganz zögerlich machen sie ihren Mitgliedern dieses Angebot. Die Barmer war bundesweit die erste gesetzliche Krankenkasse, die mit einem Hausarzttarif auf den Markt kam. Die Praxisgebühr fällt nur einmalig im Jahr beim Arzt des Vertrauens an.

Weiteres Plus: Kaufen Patienten ihre Medikamente immer bei der gleichen Apotheke erhalten sie eine Gutschrift von 3 Prozent, bei mehr als 250 Euro Umsatz im Jahr sind es sogar 5 Prozent. Nur wenige Kassen sind der Barmer bisher nachgezogen.

Der Gesundheitsministerin geht es offenbar nicht schnell genug. Deshalb ließ sie ihren Sprecher Klaus Vater verkünden, Patienten sollten ordentlich Druck auf ihre Kassen ausüben, damit diese umgehend Hausarzttarife anbieten.


Teilnehmer erhalten Prämienzahlungen

Ob durch die Pflicht zur bundesweiten Einführung von Hausarzttarifen wirklich eine Kostenersparnis von mehreren 100 Millionen Euro im Jahr erreicht wird, dürfte sich wohl erst in ein paar Jahren zeigen. Zumal Hausärzte ihren spezialisierten Kollegen die Untersuchungs- und Behandlungsmethoden nicht vorschreiben dürfen. Also wird, das jedenfalls behaupten Verbraucherschützer, munter doppelt geröntgt, werden wiederholt Blutproben entnommen und wird mehrfach Urin analysiert.

Und die gesetzlichen Krankenkassen müssen zahlen. Zumindest aber macht sich bei deren Mitgliedern die Teilnahme an einem Hausarztmodell in Euro und Cent bemerkbar. Mehr als 100 Euro eingesparte Praxisgebühr können da in einem Kalenderjahr zusammenkommen. Prämienzahlungen und Zuzahlungsermäßigungen winken zudem den Teilnehmern.

Sofern denn der eigene Hausarzt überhaupt mitmachen darf. Denn nicht alle sind als Lotsen, so will es der Gesetzgeber, geeignet. Infrage kommen Internisten, Allgemein- und Praktische Ärzte, Kinderärzte, Gemeinschaftspraxen von Hausärzten und Medizinischen Versorgungszentren sowie sogenannte Managementgesellschaften mit Doktores, die sich an der hausärztlichen Versorgung beteiligen.

Sie alle müssen in ihren Praxen ein spezielles Qualitätsmanagement realisieren, bei dem Arbeitsabläufe im Zusammenhang mit Patienten und deren Untersuchungen genau festgelegt und – was noch wichtiger ist – auch befolgt werden. Zukunftsmusik ist hingegen, dass diese Hausärzte künftig eine amtliche Zertifizierung erhalten und diese, über ein TÜV-Siegel, als Plakette ans Praxisschild kleben.


Das Wichtigste im Überblick

Die Gesundheitsreform, deren erste Stufe zum 1. April vergangenen Jahres zündete, macht’s möglich: Gesetzliche Krankenkassen müssen Wahltarife anbieten. Zu denen zählt auch die „hausarztzentrierte Versorgung“, so der bürokratisch gefärbte Fachbegriff. Die wichtigsten Spielregeln:


Wer darf teilnehmen?

Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen müssen mindestens 18 Jahre alt sein, um in einen Hausarzttarif zu wechseln.


Bindungsdauer

Diese beträgt mindestens ein Jahr.


Hausarzt wechseln

Dieses ist nicht erlaubt in jenen zwölf Monaten, die der Hausarzttarif mindestens gelten soll. Ausnahmen können nur „wichtige Gründe“ sein. Dazu zählt ein beruflich bedingter oder aus privaten Gründen veranlasster Ortswechsel.


Strafen für Treulose

Solche gibt es nicht. Allerdings bringt der Hausarztwechsel innerhalb besagter zwölf Monate finanzielle Nachteile, weil der Kassenpatient wieder die ansonsten eingesparten Praxisgebühren zahlen muss.


Facharztbesuch nicht ohne überweisung

Einer der zentralen Punkte des Modells. So darf der Kassenpatient allein dann einen Spezialisten konsultieren, falls der Hausarzt dies für nötig hält. Kassenmitglieder, die diese Vorgabe ignorieren, können zweierlei erleben: Entweder der Fachmann oder die Fachfrau lehnt ab, weil die Überweisung des Hausarztes fehlt. Oder aber, bei Annahme durch den Spezialisten, der Patient muss 10 Euro Praxisgebühr zahlen.


Frauen-, Zahn- und Augenärzte

Für diese Spezialisten brauchen Kassenpatienten trotz einer Teilnahme am Hausarztmodell keine Überweisung vom persönlichen Medikus. Nachteil: In jedem Fall werden pro Quartal 10 Euro Praxisgebühr fällig.


Im Ernstfall

Krankheiten und Wehwehchen scheren sich keinen Deut um die üblichen Praxiszeiten des Hausarztes. Deshalb ist dieser bei akuten Problemen beispielsweise an Sonn- oder Feiertagen oder in der Nacht nicht die erste Anlaufstelle, auch wenn sich Kassenpatienten für den Hausarzttarif entschieden haben. Sie dürfen also in Notfällen zum Mediziner ihrer Wahl gehen. In der Regel läuft bei den Ärzten außerhalb der Sprechzeiten ein Anrufbeantworter, der die Notdienste nach Feierabend und an den Wochenenden nennt.


Behandlung im Krankenhaus

Bei Hausarzttarifen gilt zunächst: Die Behand-lung im Spital darf nur nach einer Verordnung durch den Leibarzt oder aber die von ihm konsultierten Fachärzte vorgenommen werden. Anders bei Notfällen. Wer am Wochenende eine Blinddarmreizung hat oder die Kellertreppe herunter gestürzt ist, gilt in der Regel als Notfall. Der darf dann auch ohne Verordnung seines Hausarztes die chirurgische Ambulanz oder einen Internisten im Krankenhaus aufsuchen.


Infos

Die Geschäftsstelle Ihrer Krankenkasse weiß genau, ob vor Ort der Praxisgebühr einsparende Hausarzttarif angeboten wird. Fragen Sie einfach danach.


Krankenkasse wechseln

Sollte Ihre eigene gesetzliche Krankenkasse noch keinen Hausarzttarif anbieten, sollte der Wechsel zu einer Konkurrenzkasse gut überlegt sein. Durch einen Kassen-Switch 10 Euro Praxisgebühr je Familienmitglied und pro Vierteljahr einzusparen, ist attraktiv. Bisweilen aber nur theoretisch. Nämlich dann, wenn die neue Kasse, trotz des auch für sie kostensparenden Hausarzttarifes, höhere Beiträge verlangt.




Text Heinz-Josef Simons
Artikel aus Heft 03/2008

Vorsorge


Die gesetzliche Altersversorgung wird beim Eintritt ins Rentenalter kaum ausreichen. Machen Sie jetzt Ihre kostenlose und unverbindliche Anfrage zur Rentenversicherung.