Alles leichter und günstiger mit der elektronischen Gesundheitskarte

Elektronischen Gesundheitskarte - leichter und effizienter

Die elektronische Patientenkarte kann das Gesundheitssystem effizienter machen – ihr Start 2008 aber wird wohl arg holprig.

Nie mehr wird die alte Dame bei ihm im Wartezimmer dem Namen ihrer Tabletten nachgrübeln müssen. Darauf freut sich Doktor Siegert. Wenn die elektronische Gesundheitskarte kommt, dann wird der Hausarzt auf einen Blick im Computer sehen, was der Kollege Facharzt vor drei Wochen der Patientin verordnet hat. Welches Präparat angeschlagen hat und welches vielleicht nicht.

Und was für Blutwerte er nicht mehr zu testen braucht, weil die Resultate bereits in einer anderen Praxis vorliegen. All diese Informationen sollen über gesicherte Datennetze zugänglich sein. „Meine Arbeit wird einfacher und schneller“, sagt Michael Siegert. Irgendwann jedenfalls soll sie das werden. „Im Moment“, so räumt Siegert ein, „ist durch die Karte alles eher komplizierter.“

Vernetzt werden sollen 120000 Arztpraxen, 65000 Zahnärzte, 21000 Apotheken, 2200 Krankenhäuser und 300 Krankenkassen. Es ist derzeit das größte Projekt der Informationstechnik (IT) weltweit, so heißt es bei den Beteiligten. Auf der Gesundheitskarte selbst sollen nur Rezepte gespeichert werden, außerdem Notfalldaten etwa über Allergien.

Akzeptanz elektronische Gesundheitskarte DeutschlandWichtiger ist, dass die Karte mit einem Mikroprozessor statt des simplen Speicherchips der alten Versichertenkarte künftig als Schlüssel dienen soll.

Zusammen mit einer ähnlichen Karte für Ärzte öffnet sie, steckt man sie in der Praxis in ein Lesegerät, den Zugang zu Online-Anwendungen wie etwa der elektronischen Patientenakte, von der Doktor Siegert so schwärmt. Wann diese jedoch Wirklichkeit wird, ist völlig ungewiss. Was der Allgemeinmediziner in Trier erlebt, das ist nur ein Test.

Ab 2008 soll die Gesundheitskarte an die Versicherten ausgegeben werden, so will es das Ministerium. Hierüber streitet es voller Erbitterung mit Kassen und Ärzten – es geht um Interessenpolitik, auf allen Seiten.

Und es geht um Macht. Wie schon beim katastrophal holprigen Start des Lkw-Maut-Systems mischen sich technische Probleme mit dem sehr deutschen Kompetenz-Wirrwarr zwischen Föderalismus und Verbändestaat, bis fast nichts mehr voran geht. Zum ersten Januar 2006 sollte die Gesundheitskarte eigentlich starten, so steht es im Gesetz. 2006, nicht 2008.

„Unwirtschaftlicher Aktionismus“ sei der jetzt geplante Start, ärgert sich die Karten-Expertin beim AOK-Bundesverband, Anne Strobel. Um Effizienz geht es, zum Beispiel sollen teure Doppeluntersuchungen vermieden und der gesamte Verwaltungsaufwand deutlich verringert werden. Allein das elektronische Rezept könnte Einsparungen von bis zu einer halben Milliarde Euro jährlich bringen, wenn bei Verschreibungen automatisch online geprüft wird, ob mehrere verordnete Arzneien schlimme Wechselwirkungen auslösen.

Rund 120000 Menschen jährlich haben bislang hierzulande unter solchen Effekten zu leiden, und jeder Tag im Krankenhaus kostet viel Geld. „Nur und ausschließlich dann wird die Effizienz des Gesundheitssystems steigen, wenn das alles online funktioniert“, sagt die AOK-Frau Strobel.

Tatsächlich aber wird die Gesundheitskarte im kommenden Jahr enttäuschenderweise nur wenig mehr können als die alte Versichertenkarte. Weniges davon wird online funktionieren. „Wir legen jetzt die Straßen, die Datenautobahnen“, so rechtfertigt das der Dortmunder Medizin-Informatiker Peter Haas. Später könne man dann die Autos bauen, also Anwendungen wie die elektronische Patientenkarte. Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder erklärt, das „schrittweise Vorgehen“ sei ein Anliegen der Ärzteschaft gewesen. Niemand solle überfordert werden.

Elektrische- Gsundheitskarte - Nutzen Kosten AmortisierungDie Ärzte aber laufen Sturm gegen die Karte – und an ihnen hängt es, ob diese bei den Patienten Akzeptanz findet. Der deutsche Ärztetag, oberste Standesversammlung der Mediziner, hat kürzlich gegen die geplante Karte votiert, auf Demonstrationen wird vor dem gläsernen Arzt und gläsernen Patient gewarnt. „Ja, die Ärzte sind die Bremser bei der Einführung der Karte – solange sie nicht überzeugt sind vom Datenschutz und der Finanzierbarkeit“, sagt Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer.

Zwar sind das ernst zu nehmende Beden-ken. Aber der als streng bekannte oberste Datenschützer der Republik, Peter Schaar, hält die Gesundheitskarte prinzipiell für ziemlich sicher. Und beispielsweise der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass manche Ärzte von Datenschutz reden, um Transparenz zu verhindern. Denn die ist die Voraussetzung für Einsparungen.

Es geht letztlich ums Geld. Die Kassen wollen sparen, zum eigenen Nutzen und dem der Versicherten. Die Ärzte wollen keine Spargehilfen sein, und auch sie handeln dabei sowohl im Interesse der Patienten wie auch im eigenen. Erschwerend kommt hinzu, dass laut einem Gutachten der Unternehmensberatung Booz-Allen-Hamilton die Kassen von der Karte direkt finanziell profitieren, die Ärzte aber draufzahlen – einfach weil sie im täglichen Betrieb den Aufwand mit der Karte haben, etwa beim Rezepte-Ausstellen.

Wo viel gespart werden soll, muss erstmal tüchtig gezahlt werden. Den Großteil der Kosten, das darf vom Streit der Kassen und Ärzte nicht verdeckt werden, tragen am Ende einmal mehr die Krankenversicherten – über ihre Beiträge. Rund 1,6 Milliarden Euro teuer soll die Einführung der Karte offi ziell werden.

Kritiker allerdings rechnen mit dem Doppelten oder Dreifachen. Von einer „Kostenexplosion“ sprechen Experten des Chaos Computer Clubs – das Ministerium kontert, es werde „keineswegs alles immer teurer“, so Staatssekretär Schröder. Die Herstellungskosten pro Karte seien durch die Ausschreibung des Auftrags sogar gesunken.

„Wir sind eine zögerliche Nation geworden“, meint der Medizininformatiker Haas. Wer das weltweit beste System haben wolle, müsse für die Gesundheitskarte auch Geld investieren. Wenn die Ärzte fürchten, dass die neuen Datenmengen so verlockend seien, dass bald neue Gesetze doch den gläsernen Patienten erzeugen, sagt Haas, sei das kein Problem der Gesundheitskarte. Sondern dann geht es um das Vertrauen in die Demokratie – ganz grundsätzlich.


E-Health ist Milliarden Markt

August-Wilhelm Scheer ist Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft (Bitkom).

GELDidee: Seit Jahren streiten Regierung, Kassen, Ärzte über die Gesundheitskarte. Ist sie ein Flop?

Scheer: Die Karte hat das Potenzial, die Effizienz im Gesundheitswesen deutlich zu verbessern – allerdings müssen die Akteure dieses Potenzial nutzen wollen. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sind bis zu 40 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen Informations- und Kommunikationskosten. Die lassen sich senken.

GELDidee: Wo ist das Problem?

Scheer: Die Auftraggeber im Gesundheitswesen müssen sich einigen, was ihre Anforderungen sind, und wer was betreibt. Hier hakt es.

GELDidee: Vor einiger Zeit hieß es, in der IT-Branche herrsche wegen der Karte geradezu Goldgräberstimmung.

Scheer: Der Enthusiasmus der Industrie hat abgenommen. Die deutsche IT-Industrie hat bisher rund 200 Millionen Euro investiert. Bevor die Unternehmen sich weiter so stark engagieren, wollen sie sehen, was die politischen Akteure aus all der Vorarbeit machen.

GELDidee: Lässt sich in diesem Markt für Sie kein Geld verdienen?

Scheer: E-Health ist definitiv weiter ein Wachstumsmarkt, es geht um Milliarden Euro. Die Barmer Krankenkasse bietet inzwischen eine elektronische Patientenakte an, Krankenhäuser wie die Rhön-Kliniken machen Ähnliches. Es ist viel in Bewegung, auch jenseits der Gesundheitskarte.

GELDidee: Manche Ärzte sehen den Datenschutz in Gefahr. Bremsen solche Bedenken große Technologieprojekte aus?

Scheer: Die Patienteninformationen sind bei der Gesundheitskarte alle aufwendig verschlüsselt, mehr Sicherheit geht nicht. Diese hohen deutschen Sicherheitsstandards sollten in Zukunft auch den Export ankurbeln können. Datensicherheit ist ein Wachstumsmarkt.




Text Jonas Viering
Artikel aus Heft 01/2008

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