Berufsunfähigkeit - was Sie beachten müssen

Berufsunfähigkeit

Bei Invalidität droht oft der finanzielle Absturz. Private Berufsunfähigkeitspolicen sind sinnvoll, falls die Tücken in Verträgen und bei der Schadenbearbeitung beachtet werden.

Gerade Leistungswillige trifft es am schnellsten. Stress im Job führt leicht zu einer Erkrankung der Seele. Fast eine Million Menschen wurden 2004 wegen psychischer Erkrankungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Etwa 50.000 Menschen steigen jährlich wegen Burnout vorzeitig aus dem Beruf aus. In der Ursachenstatistik haben seelische Erkrankungen mittlerweile Herz- und Kreislauf sowie Skelett- und Muskelerkrankungen längst überholt. Einen Burnout-Test können Sie online durchführen, um bei Unsicherheit zu ermitteln, ob Sie eventuell bereits selbst betroffen sind.

Insgesamt scheidet jeder Vierte aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Beruf aus. Dem berufl ichen Aus folgt häufig der soziale Abstieg, denn vor allem jüngere Bundesbürger, die nach dem 2. Januar 1961 geboren sind, erhalten im Fall der Berufsunfähigkeit (BU) erheblich weniger Geld vom Staat als ältere.

Berufsunfähigkeit UrsachenDeshalb ist es speziell für Berufsstarter und junge Menschen besonders wichtig, privat ausreichend Vorsorge für den BU-Fall getroffen zu haben. Die Realität sieht anders aus. Manfred Poweleit, Herausgeber des Branchendienstes map-Report: „Die vereinbarten Leistungen liegen im Schnitt zwischen 500 und 600 Euro monatlicher BU-Rente. Das ist unter Hartz-IV-Niveau.“ Hauptgründe für solche Mini-Renten sind neben mangelndem Problembewusstsein bei vielen Kunden und hohen Prämien oft schlechte Beratung. Poweleit: „In zwei von drei Verträgen wird keine Rentenzahlung, sondern nur Beitragsfreistellung der Hauptversicherung vereinbart.“ Im Klartext:

Im Fall der Berufsunfähigkeit braucht der Versicherte zwar die Lebensversicherung nicht weiter zu bezahlen – auf eine Zusatzrente muss er aber auch verzichten. Die ersten Fehler werden also schon beim Abschluss des Vertrags gemacht. Dabei lassen sich, so Katrin Bornberg von der auf BU-Vergleiche spezialisierten Ratingagentur Franke und Bornberg, leicht ein paar wichtige Regeln aufstellen, die sich in einem Dreiklang zusammenfassen lassen (siehe auch Kasten rechts): „früh abschließen, Dynamik vereinbaren, Anpassungsoptionen vereinbaren“. Zwei Dokumente sollte – so die Expertin – jeder Kunde immer vor Abschluss des Vertrages abklopfen:

  • Die Versicherungsbedingungen. Entscheidend ist der Verzicht auf die „abstrakte Verweisung“. Beispiel: Ein kaufmän nischer Angestellter kann seinen Job wegen Berufsunfähigkeit nicht mehr ausüben, ist aber theoretisch noch als Pförtner einsetzbar.
  • Daneben beeinflussen eine Handvoll Kriterien die Qualität wie die Sechs-Monats-Prognose, die Anerkennung ab dem ersten Tag, die rückwirkende Zahlung von Renten und der Verzicht auf § 41 Versicherungsvertragsgesetz (VVG).
  • Das Antragsformular: Eine Verbraucherorientierte BU formuliert Gesundheitsfragen verständlich und eindeutig. Mehr dazu auf der Folgeseite.

BU-Expertin Bornberg rät: „Seien Sie beim Ausfüllen der Formulare besonders sorgfältig."

Grundsätzlich besteht eine Anzeigepflicht aller Krankheiten bis zum Vertragsabschluss. Eine nicht angegebene Grippe kann unter Umständen dazu führen, dass Sie den Versicherungsschutz verlieren. Versuchen Sie also nicht zu schummeln, um weniger Prämie zahlen zu müssen. Im Schadensfall wird die Versicherung ohnehin alle Angaben genau überprüfen. Ein Rücktritt der Versicherung ist in jedem Fall ärgerlich, denn gezahlte Beiträge erhält man nicht erstattet. Meldet man sich dann bei einem anderen Anbieter an, muss man allein wegen des höheren Eintrittsalters höhere Prämien zahlen. Dazu kommen gegebenenfalls noch Zuschläge für zwischenzeitlich eingetretene Krankheiten.

Auch wenn beim Abschluss nicht geschludert wurde, kann bei Eintritt der Berufsunfähigkeit Ungemach drohen. Stephan Rössler, Fachanwalt für Versicherungsrecht in Rosenheim: „Manche Versicherer sind sehr kreativ bei der Suche nach Verweigerungsgründen. Im Notfall sollte ein Fachanwalt eingeschaltet werden."

Nur mit gerichtlichem Zwang lassen sich in einigen Fällen die vereinbarten Leistungen oft vollständig erzwingen – damit die Seele nicht noch weiteren Schaden nimmt.

Stephan Rössler, Rechtsanwalt, spezialisiert auf Versicherungsrecht

„AUCH MAL KULANT"

GELDidee: Nehmen die Streitigkeiten um Berufsunfähigkeitsversicherungen zu?

Rössler: Geld ist in Deutschland seit einigen Jahren knapper. Auch Versicherungen versuchen deshalb, möglichst viele Versi-cherungsfälle abzuwimmeln.

GELDidee: Welches sind die wichtigsten Streitthemen?

Rössler: Drei stechen hervor: verschwiegene Alterkrankungen, mitursächliche Vorerkrankungen und der Streit über die Höhe der Beeinträchtigung, da erst ab 50 Prozent Beeinträchtigung die bedingungs-gemäße Berufsunfähigkeit vorliegt.

GELDidee: Haben Sie den Eindruck, dass die Zahl der Rechtsstreitigkeiten mit den Versicherern zunimmt?

Rössler: Das kann man so sagen, denn selbst bei eindeutigen Fällen wird von einigen Versicherern versucht, die Leistung bis zuletzt, auch im Gerichtsverfahren, zu verweigern oder zu vermindern.

GELDidee: Gibt es unterschiedliche Entscheidungen bei vergleichbarem Sachverhalt – je nach Versicherer?

Rössler: Manche Versicherer zeigen sich kulanter als andere. Auch bei den Gerichten gibt es verschiedene Entscheidungen. Grundsätzlich sind die jeweiligen Versicherungsbedingungen aber gar nicht so unterschiedlich, weil es Musterbedingungen des Verbandes gibt, an die sich alle Versicherer nahezu wörtlich halten.

GELDidee: Lässt sich aus der Größe eines Versicherers auf eine kulantere Leistungs-gewährung schließen?

Rössler: Die Größe des Versicherers spielt kaum eine Rolle, zumal die Versicherer ihrem Vertragsvolumen entsprechende Reserven hinterlegen müssen.

GELDidee: Gibt die so genannte Prozess-quote einen Anhaltspunkt für besonders zurückhaltende Leistungspraxis?

Rössler: Das nicht, aber sie signalisiert zumindest, wie der Versicherer mit seinen Kunden umgeht.


KLEINGEDRUCKTES IM CHECK

So sinnvoll der Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung ist, so wichtig ist die Auseinandersetzung mit denkbaren Störfällen vor Vertragsabschluss und nach Leistungseintritt.

Regeln vor Vertragsabschluss

Je jünger die versicherte Person ist, um so günstiger der Beitrag. Zudem sind alle nach Vertragsbeginn eintretenden Krankheiten ohne Zuschlag oder Ausschluss versichert.

Dynamik vereinbaren. Ohne erneute Ge-sundheitsprüfung lässt sich die Kaufkraft der versicherten Leistungen erhalten.
Vorsicht bei den Antragsfragen. Diese sollten zeitlich so befristet sein, dass sie objektiv richtig beantwortet werden kön-nen. Machen Sie alle Angaben im Antrag mit äußerster Sorgfalt.

Vertragsanpassung. Bei Heirat, Scheidung oder beispielsweise Geburt eines Kindes sollte der Versicherungsschutz ohne erneute Gesundheitsprüfung angepasst werden können (Nachversicherungsgarantie).

Auf Prämien achten. Achten Sie auch auf den Tarifbeitrag. Die von Ihnen zu zahlende Prämie (Zahlbeitrag) entspricht dem Tarifbeitrag abzüglich der Ihrem Vertrag gutgeschriebenen Überschussbetei-ligung. Der Zahlbeitrag kann bis zum Tarifbeitrag erhöht werden.

Berufsgruppeneinstufung. Prüfen Sie, ob Sie in eine günstigere Berufsgruppe eingestuft werden können.

Regeln nach Vertragsabschluss

Berufsunfähigkeit feststellen. Sie liegt vor, wenn der Versicherungsnehmer infolge nachgewiesener Krankheit, Körperver-letzung oder Kräfteverfalls voraussichtlich dauernd zu mindestens 50 Prozent (Regelfall) außerstande ist, seinen Beruf oder eine andere Tätigkeit auszuüben, die aufgrund seiner Ausbildung und Erfahrung ausgeübt werden kann und seiner bisherigen Lebensstellung entspricht.

Entspricht der private Berufsunfähigkeitsbegriff dem in der Sozialversicherung? Nein – aber eine Anerkennung der Erwerbsunfähigkeit in der gesetzlichen Sozialversicherung kann als Indiz dienen.

Auf welche andere Tätigkeiten kann ggf. verwiesen werden?

Im Versicherungsrecht gelten strenge Fristen, wobei die kürzeste ein halbes Jahr beträgt (§ 12 III VVG) und andere länger scheinen, als sie tatsächlich sind (ärztliche Feststellung der Berufsunfähigkeit innerhalb von 15 Monaten).



Text E.H. Georg
Artikel aus Heft 11/2006

Vorsorge


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